Bitte beachte, dass dieses Voiceover Klangschalen und Glockenspiele enthält. Beim Anhören verzichte am besten darauf, aktiv am Straßenverkehr teilzunehmen. Danke!
Sie begrüßt mich mit einem offenen, herzlichen „Schön, dass du wieder da bist. Ich habe schon auf dich gewartet.”
„Ah, danke!”, antworte ich. „Ja, ich wollte dich auch unbedingt sehen. Aber woher wusstest du, dass ich dich besuchen komme?"
Sie sagt: „Ganz einfach, weil ich deinen Schmerz schon die letzten Tage spüren konnte und ich tief in meinen Wurzeln weiß, dass ich dir so sehr helfen möchte, all das, was du hältst, loszulassen und in eine neue Energie zu verwandeln. Komm näher, sei bei mir, lehne dich an meinen Stamm und ich bin bei dir und halte dich in deiner Trauer.”
Je näher ich auf sie zugehe, desto kleiner fühle ich mich im Glanz und Schatten der Weide.
Ich bin verwundert, aber irgendwie auch nicht, dass die Weide weiß, wie ich mich wirklich fühle, obwohl ich mit einem Lächeln im Gesicht daherkomme. Ich frage mich, ob sie die Trauer aller Menschen in ihrer Umwelt spüren kann, auch wenn diese es selbst nicht spüren können oder wollen.
Meine Intuition sagt mir, dass die Weide vielleicht sogar mehr über die Tiefe meiner Traurigkeit weiß als ich. Diese Ungewissheit der Tiefe macht mir etwas Angst. Ich bin eingeschüchtert, denn ich habe keine Ahnung, was da alles hochkommen möchte und wie intensiv diese Gefühle eigentlich sind.
Trauer ist ein Gefühl, mit dem ich schwer umzugehen weiß, denn es ist ein Thema zum Totschweigen in der Kultur, mit der ich aufgewachsen bin. Wir haben ein sehr gespaltenes Verhältnis zur Trauer. Wir erkennen das Gefühl schon irgendwie an, aber darüber reden können wir nur schwer.
Eine Geschichte, die ich mir erzähle, ist, dass wir die Trauer gern so tief wie möglich begraben. Aus den Augen, aus dem Sinn. So ist es einfacher, dieses Gefühl zu ignorieren, denn wir müssen ja schließlich funktionieren. Funktionieren, was heißt das überhaupt? Keine Schwäche zeigen, stark sein, uns nicht unterkriegen lassen von der Trauer. Ja, so tun, als ob alles in Ordnung ist.
„Hab keine Angst“, sagt plötzlich die Weide. Sie reißt mich aus meinen Gedanken und fährt fort: „Trauer ist Liebe!”
Irgendwo tief in meinem Herzen treffen diese drei Worte der Weisheit auf Resonanz und alles in mir, mein ganzer Körper wird weich und entspannt sich. Mit all meinen Sinnen höre ich ihr zu …
Ich lade dich ein, deine Trauer in Fluss zu bringen, denn Trauer will fließen.
So wie Wasser Leben bringt, verwandelt Trauer den Schmerz des Verlustes in eine Reinheit der Liebe. Und es ist diese Reinheit der Liebe, die immer mit dir sein wird.
Trauer fließt in ihrem ganz eigenen Rhythmus, den du nicht kontrollieren kannst. Wenn sie dich einlädt, geh mit ihr schmerzhaft tief. Gib dich dem Schmerz der Liebe hin. Vertraue darauf, dass ihre Energie heilend ist, dass es Liebe ist, auch wenn es sich so gar nicht danach anfühlt.
Ihr Fluss ertränkt dein Herz im Sumpf des Schmerzes, nur um dein Herz, soweit es geht, aufzubrechen und dem Schmerz in dir Raum zum Atmen zu geben.
Trauer hält uns ehrlich. Ja, dich und mich und alles Leben. Sie hält uns alle ehrlich, denn wir alle trauern.
Wie sehr du dich auch bemühst, kannst du Trauer nicht begraben. Wenn sie dich in den stinkenden Schlamm reinzieht, ist es deine Aufgabe, mit allem, was sie dir zeigt, im dunklen Sud zu sein. Und so wie meine Wurzeln das Wasser im Morast finden, so findest du Trost, Sanftheit und Barmherzigkeit mit dir selbst. Gib dir Zeit, wenn du dich von der Trauer durchspülen lässt. Sie reinigt dich, scheinbar unsichtbar in der tiefen Dunkelheit deiner Selbst. Nur so kannst du in deinem Herzen verstehen, dass wir trauern, weil wir lieben. Mit diesem Verständnis kommt eine unsagbare Kraft in dir auf, die dich im Gleichgewicht zwischen Licht und Schatten deiner Emotionen hält. In dieser Balance kannst du dem Abschied und dem Schmerz genug Raum geben, um Platz für Neues zu schaffen. Hier können sich Licht und Schatten nähren.
Erst jetzt kann ich sehen, wie die Weide diese Harmonie zwischen Leben und Tod verkörpert.
Ich fühle ihr weiches Holz auf meiner Haut. Ich schaue mich um und sehe, wie sie schon viele Äste in ihrer Weichheit verloren hat. Einige dieser Äste haben Wurzeln im Wasser des sumpfigen Moors gebildet und sind zu neuen Weiden herangewachsen. Nicht alle Äste, die sie verliert, schlagen Wurzeln. Aber auch die ohne Wurzeln sind Leben, vielleicht nicht für sich selbst, sondern als Grundlage für anderes Leben.
Schließlich fragt die Weide mich: „Warum trauerst du? Willst du mir von deinem Schmerz erzählen?”
Die Worte fließen nur so aus mir heraus: „Ich trage Weltschmerz in mir, denn ich möchte nicht in einer Welt leben, die auf Hass, Unterdrückung und Getrenntheit basiert. Es ist eine Illusion, die nicht meiner Natur entspricht. Diese laute Illusion lässt mich manchmal glauben, dass ich alleine auf weiter Flur mit meiner Liebe, dem Wunsch nach Freiheit und Verbundenheit stehe. Doch weiß ich, ich bin nicht allein. Ich bin nie allein.”



„Ich trauere, weil die Kluft zwischen meiner gelebten Realität und der Vision von Leben, die ich in meinem Herzen trage, so unfassbar groß erscheint. Ich wachse mit meiner Trauer. Ich wachse dabei, diese Kluft zu überwinden. Noch vor ein paar Jahren hat mich der Weltschmerz in mir übermannt, so dass ich mich hoffnungslos und ohne Orientierung fühlte. Heute bin ich hier und befreie mich bewusst von jeglicher Form von Unterdrückung.”
„Es ist ein Abschiednehmen von limitierenden Geschichten und Glaubenssätzen meines alten Selbsts, einem Narrativ, das mir nicht mehr dient. Abschiednehmen tut immer weh, egal wie befreiend es ist.”
Mit Anteilnahme und Sanftmut in ihrer Stimme sagt die Weide: „Manchmal kann uns nur die Trauer zeigen, wie sehr wir lieben.”
Von Herzen kreiert in dem Land, in dem ich geboren wurde, genannt Märkisch-Oderland. Die Schönheit der Audio-Geschichte kommt zu dir dank der Geschenke und Magie von meiner lieben Freundin Sabine und ihrem Mann Fabian. Erfahre mehr über Sabine und ihre Leidenschaft für lebenslanges Lernen auf ihrer Website: Lernen Macht Spass



